09.08.2026

Die «Kunstwerke» der Gespinstmotten

Damit die Larven verschiedener Mottenarten sich in Ruhe satt fressen können, spinnen sie eine Art Schutzschirm über Pflanzen. Für diese ist die "Attacke" jedoch kein Todesurteil.

(ljo) In vielen Gärten und Parks fallen im Frühjahr geisterhaft eingesponnene Büsche und Bäume auf. Dafür verantwortlich sind Raupen verschiedener Arten von Gespinst- und Knospenmotten (Yponomeutidae), einer Familie der Schmetterlinge. Von den weltweit etwa 900 Arten kommen 74 in Mitteleuropa vor. Je nach Art befallen sie vor allem Traubenkirsche (Prunus padus), Schlehdorn (Prunus spinosa), Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus) und Weissdorn (Crataegus), aber auch Pappel (Populus), Weide (Salix) oder Apfel (Malus).
Die Raupen überziehen Zweig für Zweig und Ast für Ast ganze Pflanzen mit einem dichten, zähen Gespinst aus Seidensekret. Die Gebilde erinnern an das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, das mit Verhüllungen bekannter Gebäude oder gar Landschaften berühmt wurde. Das Gespinst dient den Raupen als eine Art Schutzschirm, der Fressfeinde wie Vögel oder andere Insekten fernhalten soll. Darunter lassen sich die Larven die Blätter schmecken, bis alles komplett kahlgefressen ist. Gespinstmotten sind in ein oder zwei Arten auf Futterpflanzen spezialisiert – und je nach Mottenart sieht auch das Nest anders aus: Mal sind es dünne Schleier an den äusseren Triebspitzen, dann wieder sackartige Gebilde an dickeren Ästen. Oder es sind eben die silbrigen Hüllen um komplette Pflanzen.
So «ungesund» und bedrohlich dies aussehen mag – die befallenen Pflanzen erholen sich wieder. Sie treiben, nachdem sie kahlgefressen wurden, neu aus. Dabei dient ihnen der Kot der Raupen sogar als Dünger. Schon nach wenigen Wochen sieht man solchen Büschen oder Bäumen nicht mehr an, dass sie zum zweiten Mal ausgetrieben haben. Wenn eine Pflanze leergefressen ist und die Raupen immer noch hungrig sind, seilen sie sich an einem Faden ab, um auf dem Boden kriechend nach einer neuen Futterquelle zu suchen.
Zudem sind weder die Gespinste noch die Raupen selbst für Menschen oder Tiere gesundheitsschädlich. Anders sieht es zum Beispiel beim Eichenprozessionsspinner aus, der potenziell gesundheitsschädlich für Menschen und Tiere ist. Denn die hauchdünnen Raupen-Härchen, die leicht abbrechen, können Allergien auslösen. Allerdings kommen Eichenprozessionsspinner – wie der Name schon sagt – nur an Eichen vor. Zudem spinnen sie Blätter und Zweige nicht komplett ein – sondern weben ein Gespinst, das dicht am Stamm anliegt.
Zur Kunstwelt gibt es noch eine andere Verbindung: Sogenannte Spinnwebenbilder bezeichnen Gemälde, die auf den vliesartigen Geflechten von Gespinstmotten als Unterlage gemalt worden sind; dabei entstehen fragile Kunstwerke auf dünnen durchscheinenden «Leinwänden». Diese Form der Malerei wurde vor allem in Südtirol im 18. und frühen 19. Jahrhundert praktiziert. Anders als der Name suggeriert, wurden nur in Ausnahmefällen tatsächlich Spinnweben verwendet.

Gespinstmotten können ganze Büsche einspinnen, um sich darunter geschützt an den Blättern gütlich zu tun. Danach wird die Pflanze aber neu austreiben.  Foto: Freak-Line-Community / Wikimedia
Gespinstmotten können ganze Büsche einspinnen, um sich darunter geschützt an den Blättern gütlich zu tun. Danach wird die Pflanze aber neu austreiben.
Foto: Freak-Line-Community / Wikimedia