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Der Trick mit dem Ameisenduft

15.01.2026

Vincetoxicum nakaianum ist die erste bekannte Pflanze, die den Geruch von Ameisen nachahmt, um von Fliegen bestäubt zu werden.

(ljo) Mimikry, das ist die Kunst der Nachahmung von anderen Lebewesen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das Ziel kann zum Beispiel sein, Schutz vor Fressfeinden zu erlangen – oder selber Beute anzulocken. Sowohl Pflanzen als auch Tiere haben Mimikry im Repertoire. So ahmt die harmlose rote Königsnatter die farbliche Anordnung der sehr giftigen Korallenotter nach, um Raubvögel abzuschrecken. Die Blüte der Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera) ahmt das Aussehen von weiblichen Grabwespen nach, um die männlichen Tiere zur Paarung anzulocken und so eine Bestäubung zu ermöglichen. 

Das Gleiche funktioniert auch mit Duftstoffen. So orientieren sich Rafflesien nicht nur farblich an Aas, sondern riechen auch so. Sie gelten als die «übelriechendsten Blumen der Welt», aber es funktioniert: Die so angelockten Insekten, vor allem Fliegen, bestäuben die Pflanzen und sorgen so für deren Überleben. 

Einen noch ausgeklügelteren Plan verfolgt Vincetoxicum nakaianum, eine in Japan heimische Pflanze aus der Familie der Hundsgiftgewächse. Die 2024 erstmals beschriebene Pflanze kommt eher unscheinbar daher und hat Probleme, über ihre Optik bestäubende Insekten anzulocken. Deshalb produziert sie mit ihren Blüten einen Duft, der den Geruch imitiert, den verletzte Ameisen nach einem Spinnenangriff absondern, um ihre Artgenossen zu warnen. Denn dieser Geruch lockt vier verschiedene kleptoparasitäre Fliegenarten an – Fliegen also, die anderen Tieren die Beute stehlen oder sich auf das stürzen, was von ihr übrig bleibt.  

Die Fliegen denken aufgrund des Geruchs, sie könnten hier einer Spinne ein bisschen Futter abjagen. Bis den Fliegen dann aufgeht, dass auf den duftenden Blüten weit und breit kein Ameisen-Festmahl zu finden ist, haben sie ihren Zweck längst erfüllt und die Blüten bestäubt. 

Entdeckung war purer Zufall 
Vincetoxicum nakaianum ist damit die erste bekannte Pflanze, die den Geruch von Ameisen nachahmt, schreibt Ko Mochizuki von der Universität Tokio in einer Studie im Fachmagazin «Current Biology». Das zeige, dass das Spektrum floraler Mimikry vielfältiger ist als bisher angenommen.  

Die Entdeckung war Zufall. Mochizuki hatte die Pflanze nur als Vergleichsobjekt für ein anderes Forschungsprojekt gesammelt. Die Menge von bestimmten Fliegen um die Blüten herum machte ihn jedoch stutzig. Er überprüfte seinen Verdacht mit gezielten Tests – und siehe da: Die Fliegen zogen den Geruch sterbender Ameisen (also den Geruch von Vincetoxicum nakaianum) allen anderen vor.

Hungrige Grasfliegen suchen auf einer Blüte nach der verletzten Ameise, deren Duft sie angelockt hat. Der Trick von Vincetoxicum nakaianum ist aufgegangen. Foto: © Mochizuki 2025 / SWNS
Hungrige Grasfliegen suchen auf einer Blüte nach der verletzten Ameise, deren Duft sie angelockt hat. Der Trick von Vincetoxicum nakaianum ist aufgegangen. Foto: © Mochizuki 2025 / SWNS

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