21.08.2026

Gärten auf dem Wasser

Chinampas nennt man künstlich angelegte, erhöhten Flächen am oder im Wasser, zu sehen heute noch auf dem Gebiet von Mexiko-Stadt. Häufig werden sie als «schwimmende Gärten» bezeichnet. Ganz wörtlich stimmt das allerdings nicht.

(ljo) Ein Garten braucht Boden. Das klingt selbstverständlich – bis man die Chinampas von Xochimilco im Süden von Mexiko-Stadt sieht. Wo heute eine Mega-Metropole steht, erstreckte sich einst eine Seenlandschaft. Wo wir heute Strassen sehen, fuhren Kanus; wo heute Häuser stehen, lagen Felder im Wasser. Und ein bisschen davon ist bis heute sichtbar: Zwischen schmalen Kanälen liegen dicht bepflanzte Parzellen, eingefasst von Zäunen und Bäumen. Blumen wachsen neben Nutzpflanzen, das Wasser reicht bis an die Beete. Was wie eine ungewöhnliche Uferlandschaft aussieht, ist menschengemacht: Hier wurde Garten- und Anbaufläche geschaffen, wo zuvor vor allem Wasser war.
Chinampas nennt man diese künstlich angelegten, erhöhten Flächen. Häufig werden sie als «schwimmende Gärten» bezeichnet. Ganz wörtlich stimmt das allerdings nicht: Die Parzellen schwimmen nicht, sondern wurden im flachen Wasser aufgebaut und befestigt. Die Technik der Chinampas reicht in die vorspanische Geschichte des Beckens von Mexiko zurück. Früheste Anlagen lassen sich dort auf etwa 900 bis 1200 n. Chr. datieren – mehrere Jahrhunderte vor der Entstehung des Aztekenreichs im Jahr 1428. Das Volk der Mexica – meist als Azteken bezeichnet – nutzte und erweiterte das Chinampa-System später für seine Städte und deren Versorgung.
Eine Chinampa anzulegen, war allerdings alles andere als ein einfacher Trick, um am Wasser gärtnern zu können. Der Boden wurde Schicht für Schicht aufgebaut, unter anderem aus Schlamm, Sedimenten und Pflanzenmaterial. Die Flächen mussten befestigt, gepflegt und immer wieder mit organischem Material ergänzt werden. An den Rändern wurden unter anderem Ahuejotes (Salix bonplandiana), eine mexikanische Weidenart, gepflanzt, deren Wurzeln die Parzellen stabilisieren. Auch die Kanäle waren Teil des Systems: Sie versorgten die feuchten Anbauflächen und dienten zugleich als Verkehrsweg. Das Wasser war nicht einfach eine Ressource neben dem Garten, sondern integrierter Bestandteil der Konstruktion.
Auf dem so geschaffenen Boden wuchs eine vielfältige Auswahl an Pflanzen. Neben Mais, Bohnen und Kürbis wurden Gemüse, Kräuter und weitere Nutzpflanzen angebaut; bis heute spielen in Xochimilco (Bild) auch Blumen eine wichtige Rolle. Der Gartenbau beschränkte sich hier also nicht darauf, vorhandenes Land «nur» zu bewirtschaften. Der Boden selbst wurde geschaffen und gepflegt, die Wasserwege wurden in die Bewirtschaftung einbezogen.

Chinampas sind nach dem Nahuatl-Wort «chinamitl» benannt, das «Zaun aus Rohrschilf» bedeutet. Die künstlich angelegten Anbauflächen verbinden Gartenbau mit Wasserlandschaft. Foto: LBM1948 / Wikimedia
Chinampas sind nach dem Nahuatl-Wort «chinamitl» benannt, das «Zaun aus Rohrschilf» bedeutet. Die künstlich angelegten Anbauflächen verbinden Gartenbau mit Wasserlandschaft.
Foto: LBM1948 / Wikimedia