17.09.2026

«Der Zeitdruck ist der grösste Gegner»

Hoch motiviert blicken Silas Nussbaumer und Elias Schöpfer den WorldSkills in Shanghai entgegen. In einem langen und harten Training wurden die Grundlagen für ein Topresultat gelegt. Ihren letzten Einsatz vor dem Wettkampf leisteten die beiden Zentralschweizer im Bildungszentrum Gärtner in Neuenkirch (LU) vor eingeladenem Publikum.

«Wir haben hart an unserem Handwerk gearbeitet, der Stresspegel war hoch», fasst Elias Schöpfer das Training für die WorldSkills zusammen. «In der letzten Phase mussten wir an den Details feilen und noch perfekter werden.» Das übergeordnete Ziel war, exakt nach vorgegebenem Plan einen attraktiven Garten zu bauen, der für den Profi eine Augenweide ist. Im Training vor den WorldSkills kam Elias Schöpfer teilweise an seine Grenzen, beispielsweise wenn er in der engen Parzelle von 5,5 mal 6 Metern feinste Ornamente ausführen musste, während die Uhr unaufhaltsam tickte. Bei seinem Wettkampfpartner Silas Nussbaumer sind die Nerven ebenfalls angespannt. Doch nicht nur: «Jetzt freue ich mich auch, nach Shanghai zu reisen, und mich mit Gartenbauern aus anderen Ländern zu messen.»
Die beiden Wettkämpfer haben im harten und aufreibenden Training über mehrere Monate Ausdauer an den Tag gelegt und ihr Handwerk perfektioniert. Soeben haben sie den letzten Probegang des viertägigen Haupttrainings vor den World­Skills erfolgreich hinter sich gebracht. «Silas und Elias haben in einem anspruchsvollen und vielseitigen Training ihre Fähigkeiten erweitert und vertieft. Sie gehen mit dem Gefühl nach Shanghai, dass sie gewinnen können», sagt Pascal Flüeler, der Trainer des Nationalteams von JardinSuisse. Vor allem war es wichtig, den beiden Wettkämpfern aufzuzeigen, welche Exaktheit für einen Rang auf dem Podest dazugehört: Denn gut ausgebildet und leistungsstark ist auch die Konkurrenz. Für den Sieg hingegen wird ausschlaggebend sein, mit welcher Präzision, Sorgfalt und Fantasie der Garten gebaut wird. Hinzu kommt ein klares Gefühl für das Timing: «Die Wettkämpfer müssen immer wieder entscheiden, wie viel Zeit sie für jeden einzelnen Arbeitsschritt aufwenden können», ergänzt Lorenz Arbogast, Chefexperte der SwissSkills. «Nach vier Tagen muss das Werk fertiggestellt sein und der Garten ästhetisch überzeugen.» 


Der letzte Schliff vor Publikum
Am vierten Tag des Schlusstrainings hatte der Garten im Bildungszentrum Neuenkirch schon klare Gestalt angenommen. Auf der 35 Quadratmeter grossen Fläche war ein Wasserspiel inklusive Pumpen gebaut, darüber führte eine Brücke. Das Becken selbst war umrahmt mit einem Ornament aus Natursteinen. Als weitere Bauelemente kamen unter anderem eine Treppe aus Sandstein, eine Natursteinmauer, Sitzbänke und ein Eingangstor hinzu. Die jeweils zu erreichenden Tagesziele und der Zeitaufwand waren genau festgelegt, für die Ausführung lagen Pläne mit Massvorgaben in Millimetern vor. Die gesetzten Ziele orientierten sich an den Aufgaben, die in Shanghai kommen könnten. Von den Organisatoren der diesjährigen WorldSkills haben die beiden Trainer ein umfangreiches Dokument erhalten, in dem aufgezählt wurde, was alles möglicherweise geprüft wird.
Am letzten Trainingstag beobachteten rund um den Garten zahlreiche Besucherinnen und Besucher das JardinSuisse-Team bei der Arbeit. Bevor es nach Shanghai geht, überzeugten sich Verbandsmitglieder sowie Berufsleute der Arbeitgeber- und Sponsorenbetriebe im Bildungszentrum Gärtner vom Können der beiden Wettkämpfer. Silas Nussbaumer besserte an diesem Tag den sandgefugten Belag mit den Kiesel- und Pflastersteinen nach. Danach platzierte er sorgfältig die Blumen in den Rabatten. Nach und nach entstand ein attraktiv kombiniertes Blumenbeet mit einem lebendigen Spiel aus Grün- und Farbtönen. Währenddessen schraubte Elias Schöpfer die millimetergenau gesägten Sitzbänke aus Massivholz zusammen. In der letzten Stunde vor dem Trainingsende reinigten beide zusammen mit Wasser, Besen und Pinsel die Anlage und prüften nochmals mit scharfem Auge die Bepflanzung. 


Verlässliche Zusammenarbeit
Der Trainingsaufwand für die WorldSkills ist hoch. Insgesamt drei Monate lang wurden Elias Schöpfer und Silas Nussbaumer für den Wettkampf geschult. Ihre Lehrbetriebe, die Fünfstern Garten AG und die Hengartner & Jans AG, stellten sie für einen Teil der Ausbildung frei. Zudem investierten die beiden Schweizermeister einige Wochenenden für das Wettkampftraining. «Weniger Aufwand liegt für einen Spitzenrang nicht drin», ist Lorenz Arbogast überzeugt. Das Training startete mit spezifischen Zusatzausbildungen in Fachbetrieben, beispielsweise in Teichbau, Metallbearbeitung, Schreinerarbeit, Pflästerung, Naturstein und Bepflanzung. So konnten die beiden Gartenbauer ihr Handwerk verfeinern. Danach folgten Trainingseinheiten unter simulierten Wettkampfbedingungen, mit Tagesprogramm und Zielsetzung. Doch nicht allein das handwerkliche Können und eine klare Vorgehensweise sind für den Chefexperten ein Garant für einen Spitzenplatz: «Für vier perfekte Tage müssen die beiden Wettkämpfer mental voll bereit sein.»
Wichtig an der Weltmeisterschaft wird sein, dass die beiden als Team routiniert und ohne grosse Absprachen zusammenarbeiten. «Sobald uns das Tagesprogramm ausgehändigt wird, teilen wir auf, wer was ausführt», sagt Elias Schöpfer. Dabei achten sie auf ihre persönlichen Stärken. Während er selbst beispielsweise eine Vorliebe für Natursteine hat, bringt Silas Nussbaumer viel Feingefühl für die Bepflanzung mit.
Die Vorbereitung fanden beide abwechslungsreich und vielseitig. Trotz hohen Zeitaufwands und grosser körperlicher Anstrengung litt ihre Motivation nie. Kennengelernt haben sich die beiden vor zwei Jahren beim Training für die SwissSkills. «Wir haben uns von Anfang an gut verstanden und ergänzt. Bald schon konnten wir uns aufeinander verlassen», sagt Silas Nussbaumer. Am meisten Respekt hat er vor den zeitlichen Vorgaben des Wettkampfs. «Der Zeitdruck ist hoch; er ist der grösste Gegner vor Ort.» Wie sie in Shanghai unter Wettkampfbedingungen vor Tausenden von Zuschauern funktionieren, wird sich noch zeigen. «Wie wir bei der Arbeit genau vorgehen, haben wir gelernt und geübt», fügt Elias Schöpfer hinzu. «Doch was genau in Shanghai auf mich zukommt und wie nervös ich sein werde, das werde ich erst auf dem Wettkampfgelände vor Ort erfahren.» 


Aushängeschild für den Beruf
In Shanghai setzt sich Lorenz Arbogast hinter den Kulissen gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten für eine faire und harmonisierte Bewertung ein. Gegenüber ihrem Team wollen er und Pascal Flüeler in Shanghai Ruhe ausstrahlen und Sicherheit geben. Mehr ist auch nicht möglich: Denn während der Wettkampfzeit dürfen sie keinen Kontakt zu ihrem Team aufnehmen.
Für JardinSuisse sind die WorldSkills und SwissSkills wichtig für die Nachwuchsförderung. Die SwissSkills erweisen sich als idealer Ort, um den Beruf des Gartenbauers anschaulich und spannend zu präsentieren. Die nachfolgenden WorldSkills finden nochmals vor grossem Publikum statt. In zahlreichen Beiträgen werden die Medien darüber berichten, vor allem wenn Berufsbranchen mit ihren Teams gut abschneiden. In den vergangenen Jahren erreichte JardinSuisse im Gartenbau immer Bestnoten: In zwei Serien gab es bisher jeweils drei Mal nacheinander Gold, so auch bei den letzten drei Durchführungen. 


Hauptgegner China
«China als aufstrebender Industriestaat ist auf dem Vormarsch», sagt Pascal Flüeler. «An den WorldSkills in Lyon 2024 holten sie mehr als die Hälfte der Goldmedaillen.» In Shanghai wird der Ehrgeiz der Chinesinnen und Chinesen nochmals grösser sein, sich in den einzelnen Berufsbranchen die Spitzenplätze zu holen. Entsprechend viel Zeit stecken sie in die Vorbereitung auf den Wettkampf. «Die Teilnehmer Chinas werden systematisch auf die WorldSkills hin getrimmt», führt der Trainer des Nationalteams aus. «Der Druck zu siegen, ist äusserst hoch, Misserfolg kommt hingegen schlecht an», fügt Lorenz Arbogast bei.
Medienberichten zufolge winkt bei einer erfolgreichen WorldSkills-Teilnahme eine Belohnung in Form von lukrativen Arbeitsverträgen. Gegenüber einem solchen einseitigen Drill auf Erfolg grenzt er sich ab: «Wir stellen die Freude am Beruf und den Menschen in den Vordergrund, nicht die Aussicht auf Geld und Ruhm. Und dies soll so bleiben, solange wir an den WorldSkills teilnehmen.»


Text: Urs Rüttimann

Nach einem umfassenden und vielseitigen Training sind sie bereit für die WorldSkills (von links): Pascal Flüeler, Silas Nussbaumer, Elias Schöpfer und Lorenz Arbogast. Foto: Urs Rüttimann
Nach einem umfassenden und vielseitigen Training sind sie bereit für die WorldSkills (von links): Pascal Flüeler, Silas Nussbaumer, Elias Schöpfer und Lorenz Arbogast. Foto: Urs Rüttimann